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Tagung

Von der Bedeutung der Vielfalt und ihrer Zerstörung (1933-1945), oder: Ansätze einer deutsch-jüdischen Kultursynthese und ihre Feinde

23. Oktober 2021 / 10:00 - 20:00 Uhr

Für die Absicht, die jüdische Bevölkerung Europas auszulöschen, errichtete das NS-Regime in Deutschland und angrenzenden Ländern Vernichtungslager für den Einsatz einer Tötungsmaschinerie, die bis heute das ungeheuerlichste Verbrechen darstellt, zu dem der Mensch fähig ist, den Holocaust, die Shoah.

Wer dies Verbrechen zu verstehen sucht, muss weit in die deutsche und europäische Geschichte zurückgehen. Sie verzeichnet seit dem Hochmittelalter gegen jüdische Bevölkerungsminderheiten gerichtete gewalttätige Exzesse, denen diese schon damals in großer Zahl zum Opfer fielen; Bluttaten, die in der Regel ‚religiös‘ motiviert waren. Erst in der Zeit der Aufklärung gelang es, antisemitischen Fanatismus halbwegs zu dämpfen und durch Förderung der Judenemanzipation auf die Gleichstellung der jüdischen Mitbürgerinnen und -bürger hinzuwirken. Hierfür stehen u. a. die Bemühungen von Moses Mendelssohn (1729 – 1786) und Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781). Ansätze der Judenemanzipation fanden sich in den ‚Judenpatenten‘ des Kaisers Joseph II. (1782/1789) sowie in den preußischen Reformen (Edikt Hardenbergs, 1812), allesamt allerdings nicht von dauerhafter Wirkung. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege kam es im Krisenjahr 1819, besonders in Süddeutschland, zu antijüdischen Unruhen (den „Hep-Hep-Stürmen“). In Berlin gründeten jüdische Intellektuelle den „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums“, um die Integration in die christlich-bürgerliche Gesellschaft zu fördern; ein Mitglied war Heinrich Heine. Doch der Verein bestand nur kurze Zeit.

In der Revolution von 1848 beschloss die Paulskirchenversammlung in Frankfurt die Gleichberechtigung der Juden. Doch konnte diese nicht realisiert werden, weil mit der Niederschlagung der Revolution (Juli 1849) auch die fortschrittlichen Verfassungselemente entfielen. In Österreich allerdings brachte die Revolution die Emanzipation voran: der Ministerpräsident Schwarzenberg erließ am 4. März 1849 eine Verfassung, wonach österreichische Juden das Bürgerrecht erwerben durften. Im Dezember 1867 hob die neue dualistische Verfassung Österreich-
Ungarns, anderthalb Jahre später das Parlament des Norddeutschen Bundes (des Vorläufers des 1871 gegründeten Bismarck-Reiches) alle noch bestehenden Beschränkungen auf. Wiederum zwei Jahre später verankerte das Deutsche Reich die rechtliche Gleichstellung der Juden in der Verfassung. Das Ende antisemitischer Vorurteile in Deutschland war dies noch nicht. Die politischen Eliten betrachteten die Judenemanzipation als eine staatliche Konzession, die sie bei Gelegenheit zu widerrufen vermochten. Walter Grab schrieb: „Die traditionelle Bildungs- und Führungselite in der Staatsverwaltung, dem Offizierskorps, dem Großgrundbesitz und den Kirchen, die den unvermeidlichen Wandel der Industriegesellschaft als Bedrohung ihrer althergebrachten Wertvorstellungen empfand, hielt an der Überzeugung von der Nichtzugehörigkeit und Andersartigkeit der Juden fest.“ An die Stelle religiöser traten rassenbiologistische Motive (der Spleen vom ‚schlechten Blut‘). Die aus Jahrhunderten überlieferten Vorurteile mündeten in die verbrecherische antisemitische Politik des NS-Regimes und dessen ‚Rassengesetze‘, die zum Genocid an der europäischen jüdischen Bevölkerung führten.

Die hier konzipierte Konferenz wird versuchen, Antworten auf die Frage zu finden: Warum reichten die Bemühungen fortschrittlicher Kräfte nicht aus, das herannahende Unheil und damit die Mordorgien zu verhindern? 1890 wurde in Deutschland der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ gegründet, worin z. B. der Historiker und Nobelpreisträger Theodor Mommsen mitwirkte. Der Verein zählte zeitweilig 14000 – 20000 Mitglieder. Als Publikationsorgan dienten die „Mitteilungen“. Der Verein hielt Verbindung mit dem Liberalismus, der sich in der Fortschrittlichen Volkspartei und danach in der Deutschen Demokratischen Partei organisierte. Österreich folgte im Jahre darauf, es entstand wie in Deutschland ein Verein unter demselben Namen. Der Initiator war Arthur Gundaccar von Suttner, der Ehemann der Friedenskämpferin Bertha von Suttner. Ein berühmtes Mitglied war die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach.

Tagung: Von der Bedeutung der Vielfalt und ihrer Zerstörung
am Sonnabend, den 23. Oktober 2021, von 10.00 – 20.00 Uhr
im Gewerkschaftshaus, Holstentorplatz 1-5, Raum 3/4

Das Programm zur Tagung finden Sie hier.

Anmeldung: bitte bis zum 9. Oktober 2021
bei Dagmar Keiser, im ver.di-Büro Lübeck:
Telefon: 0451-8100-707
E-Mail: dagmar.keiser@verdi.de

Veranstalter

Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Nord ver.di GewerkschaftsPolitische Bildung

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