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Schriftenreihe zur Erinnerungskultur in Norddeutschland

Wissenschaftspreis 2021

Gedenkstätten-Wegweiser Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein wird an vielen Orten an die Herrschaft und Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert. Meist an den historischen Orten des Geschehens gelegen, vergegenwärtigen diese Gedenkstätten, Erinnerungs- und Lernorte eine Vergangenheit, die zwar über 75 Jahre zurückliegt, aber untrennbar mit der gewachsenen politischen Kultur Deutschlands verbunden ist. Das Schicksal von Opfern der NS-Diktatur ebenso dokumentierend wie Biografien von Tätern, erzählen diese Orte auch die Geschichte der schwierigen Auseinandersetzung mit der Zeit des „Dritten Reiches“ seit 1945. Die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (BGSH) hat nun erstmals eine ausführliche Übersicht zu den hiesigen Erinnerungsorten vorgelegt.

Stiftungsratsvorsitzende Ministerin Karin Prien betonte den besonderen Wert eines solchen Gedenkstätten- Wegweisers: „Wir haben gerade in den vergangenen Jahren – als sich erst das Ende des Ersten Weltkrieges zum hundertsten Mal jährte, wir 2019 dem Anfang und 2020 dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der deutschen Einheit gedachten – wieder festgestellt, wie wichtig eine Erinnerungskultur an authentischen Orten ist. Mit diesem Wegweiser können wir uns über die beeindruckende Arbeit informieren. Er lädt uns in die Gedenkstätten ein, denn dort wird Erinnerung lebendig – ob durch den Ort, an dem Geschichte stattgefunden hat, oder durch Gespräche mit Zeitzeugen. Es gehört zu unserer gemeinsamen Pflicht – gerade in Zeiten, in denen wir uns leider wieder mit Antisemitismus und Rechtsextremismus beschäftigen müssen –, dass wir diese Zeit des Schreckens nicht vergessen dürfen. Wir müssen jungen Menschen vermitteln, welche Macht und welche menschlichen Schicksale sich hinter jedem Terror-Regime verbergen.“

„Diese Übersicht zu den Erinnerungsorten mit Bildungsangeboten in Schleswig-Holstein ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Gedenkstättenlandschaft“, sagt Professor Gerhard Fouquet, Vorsitzender des Vorstands der BGSH. „Der Wegweiser dokumentiert die Vielfalt des Erinnerns an historischen Orten der NS-Verbrechen und vermittelt einen starken Eindruck von dem jahrzehntelangen Engagement von Vereinen, Initiativen, Kirchen, Kommunen und vielen Einzelpersonen. Mit dieser Publikation hoffen wir, die öffentliche Wahrnehmung dieser für unser Land so wichtigen Orte der historisch-politischen Bildung nachhaltig zu verstärken und möglichst viele Menschen, insbesondere der jungen Generationen, dafür zu interessieren.“

Ahrensbök, Glückstadt, Ladelund, Nützen, Schwesing, Wedel – wer weiß schon, dass das nationalsozialistische Regime auch in diesen schleswig-holsteinischen Gemeinden Konzentrationslager einrichten ließ? Wer weiß schon, dass hier tausende Menschen aus halb Europa ihrer Freiheit beraubt, gedemütigt, geschunden und oft ermordet wurden? Diese vormaligen Lager in Schleswig-Holstein sind weitaus weniger bekannt als die großen, auch international bedeutsamen Terrorstätten wie Bergen-Belsen, Buchenwald oder Dachau und die Vernichtungslager in Auschwitz und Belcec.

An den „authentischen“ Orten nationalsozialistischer Verfolgung und Gewalt hat sich in Schleswig-Holstein insbesondere in den letzten beiden Jahrzehnten eine vielfältige „Gedenkstättenlandschaft“ von Akteuren, Orten gestalteter Erinnerung und aktiver Bildungsarbeit herausgebildet: Vereine und Initiativen, Kirchen, mitunter Kreise und Kommunen tragen die Einrichtungen, in denen Ehrenamtliche und Hauptamtliche arbeiten und Geschichten sehr unterschiedlicher Orte und Leidenswege erzählen und vielfältig vermitteln.

Darüber informiert der nun veröffentlichte Wegweiser, der so erstmals für Schleswig-Holstein vorgelegt wird. Er soll Interesse wecken für das Thema der Erinnerungskultur und idealerweise dazu anregen, den einen oder anderen historischen Ort aufzusuchen. Denn inzwischen gibt es so viele Gedenkstätten und kleinere gestaltete Erinnerungsorte, dass der Überblick zusehends schwierig geworden ist. Der Wegweiser zu diesen Orten versteht sich daher als ein Lotse durch eine vielgestaltige Topografie des Erinnerns.

Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (Hrsg.): Gedenkstätten und Erinnerungsorte zur Geschichte des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein. Wegweiser und Bildungsangebote, Redaktion: Dr. Harald Schmid, Husum 2020, 114 Seiten.

Schülerwettbewerb 2020 "EURE Erinnerung"

Nach bereits dreimaliger Vergabe ihres Wissenschaftspreises lobte die Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (BGSH) zu Beginn des laufenden Schuljahres im Herbst letzten Jahres erstmals einen Wettbewerb für Schülerinnen und Schüler aus. Das Thema des Wettbewerbs lautete „EURE Erinnerung“. Im Mittelpunkt stand dabei die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein. 

Bis zum Einsendeschluss Ende April 2020 gingen 22 vielfältige Wettbewerbsbeiträge von 8 Schulen ein. Eine interdisziplinär zusammengesetzte Jury aus den Bereichen Geschichtswissenschaft, Universität, Schule, Kunst, Gedenkstätten- und Museumspädagogik beriet Ende Mai und legte die Preisträger*innen fest: 

Einzelpreise, jeweils 250 EUR Preisgeld
„Der sog. GeSchichtenberg in Itzehoe – und wie er sich verändern muss“
Jonas Rönna, Klasse 9a, Sophie Scholl Gymnasium Itzehoe

„die neue linie – wenn ein unpolitisches Blatt mit der Zeit politisch wird“
Friederike Brucks, 12. Jahrgang, Jürgen-Fuhlendorf-Schule Bad Bramstedt

Klassenpreise, jeweils 1.000 EUR Preisgeld
Erforschung des Schicksals der jüdischen Familie Lehmann aus Ahrensburg
Forschungsgruppe der 9. Klasse, Gemeinschaftsschule Am Heimgarten, Ahrensburg

„Erinnern, aber wie? – Wie erinnern wir den Holocaust?“
12. Jahrgang, Gymnasium Wellingdorf Kiel

Der Vorstand und die Mitarbeiter*in der Bürgerstiftung gratulieren allen Preisträger*innen herzlich! Großer Dank gilt allen Teilnehmer*innen des Wettbewerbs für ihre Beteiligung und das damit verbundene Engagement.
Die ursprünglich für Anfang Juni geplante feierliche Preisverleihung musste aufgrund von Corona verschoben werden. Die Veranstaltung sollte daraufhin am 6. November 2020 in kleinem Rahmen stattfinden und per Livestream übertragen werden, musste jedoch wegen der steigenden Infektionszahlen leider endgültig abgesagt werden.

Die Preisträger*innen und ihre prämierten Arbeiten
Bei der Begutachtung der Beiträge legte die Wettbewerbsjury besonderen Fokus auf eine eigene kreative Herangehensweise bei Themenfindung und Umsetzung, die anschließende kritische Reflexion der erarbeiteten Inhalte und den dafür erforderlichen Gegenwartsbezug.

Besonders gut gelang dies Jonas Rönna aus der Klasse 9a des Sophie-Scholl-Gymnasiums Itzehoe, der unter dem Titel „Der sog. GeSchichtenberg in Itzehoe – und wie er sich verändern muss“ im Rahmen einer Umfrage deutlich machte, wie wenig präsent ein historisch bedeutsamer Ort trotz seiner Lage mitten in der Stadt im Bewusstsein  der Bevölkerung sein kann. Insbesondere seine eingangs dieser Presseinformation zitierten Schlussfolgerungen, die er aus seinen Beobachtungen zog, beeindruckten die Wettbewerbsjury, die sich dazu entschied, diese Arbeit mit dem Einzelpreis für die Mittelstufe in Höhe von 250 EUR zu prämieren.

Auch Friederike Brucks, Schülerin des 12. Jahrgangs der Jürgen-Fuhlendorf-Schule in Bad Bramstedt, fand ihren ganz eigenen Ansatz in der Auseinandersetzung mit dem Wettbewerbsthema. Sie beschäftigte sich intensiv mit einer Ausgabe der von 1929-1943 erschienenen Lifestyle-Zeitschrift „die neue linie“ und analysierte die Inhalte auf frühe Anzeichen nationalsozialistischer Propaganda. Mit dieser ausgesprochen interessanten Fragestellung und einer damit verbundenen sehr selbstständigen Herangehensweise konnte Friederike Brucks die Jury überzeugen und gewinnt damit den Einzelpreis für die Oberstufe in Höhe von 250 EUR.

Bei den Gruppenbeiträgen machte insbesondere eine junge Forschungsgruppe von der Gemeinschaftsschule am Heimgarten in Ahrensburg deutlich, dass Interesse und Begeisterung für geschichtliche Themen auch außerhalb eines gymnasialen Geschichtsprofils zu bemerkenswerten Ergebnissen führen können. Unter Anleitung ihres Geschichtslehrers Durmis Özen begab sich die Gruppe auf Forschungsreise und recherchierte zum Schicksal einer der ältesten jüdischen Familien Ahrensburgs. Die Recherchearbeit, die Ergebnisse und die anschließende Öffentlichkeitsarbeit bewegten sich laut eines Jurymitglieds erstaunlich nah an professionellen Standards. Das Engagement der Forschungsgruppe belohnt die Bürgerstiftung mit dem Klassenpreis für die Mittelstufe in Höhe von 1.000 EUR.

Mit einem ganzen Ausstellungsprojekt stellte der 12. Jahrgang des Gymnasiums Wellingdorf den wohl vielfältigsten und umfangreichsten Wettbewerbsbeitrag. Zahlreiche schriftliche Arbeiten, Gedichte, Zeichnungen und interaktive  Formate, die den Besucher zum Mitmachen und Nachdenken animieren, wurden unter Anleitung des Musik- und Geschichtslehrers Thomas Schmidt in ein zusammenhängendes Ausstellungskonzept eingebettet und in der Schule präsentiert. Die Leistungen der Schüler*innen überzeugten die Jury in ihrer Gesamtheit nicht nur quantitativ, sondern insbesondere durch die Tiefe der persönlichen Auseinandersetzung und Reflexion. Dieses Projekt erhält daher den Klassenpreis für die Oberstufe in Höhe von 1.000 EUR.